Todesstunde 

Im Augenblick des Todes fahren wir an einen Warteort im Innern der Erde. Es ist nicht der Himmel oder die Hölle, sondern ein Ort, an dem alle Seelen auf das endgültige, so genannte Jüngste Gericht warten. Dieser Warteort heißt im Hebräischen scheol und taucht im Alten Testament 65 mal auf, wird aber uneinheitlich übersetzt, mal als Hölle, mal als Totenreich etc. An diesem Warteort scheol ist man nicht tot, sondern lebendig. Den Zustand des Nicht-mehr-Existierens gibt es nicht, vgl. Joh. 5:25, wo Jesus über Menschen spricht, die damals, zu seinen Lebzeiten, schon gestorben waren: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören; und die sie hören werden, die werden leben. Ebenso: Luk. 9:60: ... Lass die Toten ihre Toten begraben; ... oder 1. Petr. 3:18: ... getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.

Nach dem Sündenfall war jedem Menschen der Warteort scheol bestimmt. Daran kann man sehen, wie groß der Erfolg war, den der Teufel mit seinem Verführungs- und Zerstörungsplan hatte. Das Alte Testament erklärt aber auch, dass es eine Hoffnung für die Seelen im Totenreich gibt (Psalm 49:16): Aber Gott wird meine Seele erlösen aus der Hölle [hebr.: scheol] Gewalt; denn er hat mich angenommen. Christus ist der, der uns erlöst von der Macht des Todes (besser: des Totenreichs scheol). Das Wort scheol wird im Griechischen hades genannt.

Durch Christi Tod hat sich der Ort des Totenreiches verändert. Vor Christus gab es möglicherweise nur einen einzigen Warteort für alle Seelen, vgl. die Worte Samuels, gerichtet an Saul, aus 1. Sam. 28:19: Morgen wirst du und deine Söhne mit mir sein.

Nun aber hat es den Anschein, dass es im Augenblick des Todes schon eine Vorauswahl und entsprechend an diesem Warteort zwei Abteilungen gibt, eine für die Gerechten, die andere für die Bösen. Die beiden sehr verschiedenen Aufenthaltsorte sind nicht weit voneinander entfernt – man kann hinübersehen und sogar hinüberrufen, siehe Lukas 16:22-26: Es begab sich aber, dass der Arme starb und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und ward begraben. Als er nun in der Hölle [gr. hades = Totenreich] und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt. Und über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, dass die wollten von hinnen hinabfahren zu euch, könnten nicht, und auch nicht von dannen zu uns herüberfahren. So gibt es also für die Bösen schon im Wartezustand nach dem Tod Qual. Für die Gerechten gibt es ebenfalls schon am Warteort, gleich nach dem Tod, einen kleinen Vorgeschmack der Herrlichkeit, zwar nicht wie im Himmel, aber doch dem Paradies gleich. Darum sagt Christus zum Schächer am Kreuz, Luk. 23:43: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Dieser Ort ist nicht in der Gegenwart Gottes, aber wie Christus hier sagt, würde er selbst unmittelbar nach seinem Tod dorthin gehen, siehe auch Matth. 12:40: Denn gleichwie Jona war drei Tage und drei Nächte in des Walfisches Bauch, also wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte mitten in der Erde sein. Phil. 2:10: dass in dem Namen Jesu sich beugen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind ...

An diesem Warteort hat man noch keinen neuen, herrlichen Körper. Aber die Seele tritt auch dort körperlich in Erscheinung; man erkennt sich (1. Mose 37:35: ... Ich werde mit Leid hinunterfahren in die Grube [scheol] zu meinem Sohn [Josef].) Vor allem aber: Der Warteort ist für wiedergeborene Christen seit Christi Tod und Auferstehung verändert, vielleicht sogar geöffnet, denn während wir von David lesen (Apg. 2:34) ... David ist nicht gen Himmel gefahren ..., sieht Stephanus den Himmel offen (Apg. 7:56): Siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen. Dazu passen auch die Worte des Paulus (Phil. 1:23): ... ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, was auch viel besser wäre ...

Passend zu der Vorstellung zweier getrennter Warteräume, nennt die Bibel zwei getrennte Auferstehungen. Die erste Auferstehung erfasst nur die Gläubigen und fällt zusammen mit der Wiederkunft Christi und dem Beginn des Tausendjährigen Reiches, Offenb. 20:6: Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Über solche hat der andere Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre. Diese erste Auferstehung wird von manchen Christen „Entrückung“ genannt und mit falschen Vorstellung verknüpft, etwa der, dass die „Entrückung“ heimlich geschehen solle, noch bevor Christus wiederkommt. Dabei zeigen die beiden einzigen relevanten Bibelstellen deutlich an, dass diese erste Auferstehung nicht heimlich, sondern öffentlich und von lautem Posaunensignal begleitet wird, 1. Kor. 15:51-52: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und dasselbe plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune ...; 1. Thess. 4:15-17: ... wir, die wir leben ..., werden denen nicht zuvorkommen, die da schlafen. Denn er selbst, der Herr, wird mit einem Feldgeschrei und der Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christo werden auferstehen zuerst. Darnach wir, die wir leben und übrig bleiben, werden zugleich mit ihnen hingerückt werden in den Wolken, dem Herrn entgegen ...

Die zweite Auferstehung ist die eigentliche Auferstehung zum Jüngsten Gericht, an der dann jeder Mensch – außer vermutlich den Teilnehmern der ersten Auferstehung – vor Gottes Thron erscheinen muss, Offenb. 20:11-15: Und ich sah einen großen, weißen Stuhl und den, der darauf saß; vor des Angesicht floh die Erde und der Himmel und ihnen ward keine Stätte gefunden. Und ich sah die Toten, beide, groß und klein, stehen vor Gott, und Bücher wurden aufgetan. Und ein anderes Buch ward aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach der Schrift in den Büchern, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten, die darin waren, und der Tod und die Hölle [gr. = hades] gaben die Toten, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeglicher nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle [gr. = hades] wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der andere Tod. Und so jemand nicht ward gefunden geschrieben in dem Buch des Lebens, der ward geworfen in den feurigen Pfuhl.

Die nächste Abschnitt handelt von der Wiedergeburt.